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SCHINKELS „GEIST“ UND MOZART AUF DER E-GEIGE

In der Diskussion um die vom Deutschen Bundestag beschlossene Wiedererrichtung der Berliner Bauakademie stehen zwei grundsätzliche Positionen gegenüber: Auf der einen Seite die Befürworter einer Rekonstruktion (im denkmalpflegerischen Sinne korrekt „Kopie“), auf der anderen Seite die Befürworter einer Wiedererrichtung, die im Wortlaut der Bundesstiftung Bauakademie dem „visionären Geist Karl Friedrich Schinkels“ Rechnung trägt (bundesstiftung-bauakademie.de, abgerufen am 21.11.2023). Gemeint ist mit dieser Formulierung der Anspruch, die innovativen Ansätze eines aus dem 19. Jahrhundert stammenden Architekten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu übertragen. Der „Geist“ Schinkels soll sich also in einem zukunftsweisenden Bau neu verwirklichen, der Anforderungen zu mehr Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit exemplarisch umsetzt. Die Frage hierbei ist: Was genau ist zu verstehen unter diesem „Geist“ Schinkels? 

Der preußische Star-Architekt verwendete Formen der griechischen Antike und der mittelalterlichen Gotik. Er übertrug diese „Stile“ auf Entwurfsaufgaben seiner Zeit, wovon z. B. das Schauspielhaus (Tempel-Motiv), die Neue Wache (Kastell-Motiv) und die Friedrichswerdersche Kirche (idealisierte englische Gotik) zeugen. Dabei kamen ältere und zur damaligen Zeit neu aufkommende Bautechniken zum Einsatz. Die Frage, wie ein innovativer Architekt des 19. Jahrhunderts nun im 21. Jahrhundert bauen würde, hat sicherlich Spielfilmpotenzial, gehört aber in das Reich der Fantasie: Das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen stehen im komplexen Zusammenhang mit seiner jeweiligen Zeit. Ähnliche ideologische Sackgassen sind z. B. aus der Musik bekannt: Wie hätte Mozart für die E-Geige komponiert? 

Die ästhetische Gestaltung (die ältere Kunstgeschichte spricht vom „Kunstwollen“) und die zur Verfügung stehenden technischen Mittel stehen in einer dialektischen Beziehung zueinander. Auf die Bauakademie übertragen heißt das: Schinkels ausgeführter Architekturentwurf spiegelt die kreative Auseinandersetzung mit Konstruktionsweisen seiner Zeit wider. Den „Geist“ Schinkels von dieser Zweierbeziehung zu isolieren, führt zu Beliebigkeit und mündet in einen geschichtsphilosophischen Relativismus. 

Im Angesicht der sich anbahnenden Klimakatastrophe mögen solche theoretischen Überlegungen lapidar sein; D Der Klimaschutz sollte jedoch nicht als moralisches Totschlagargument instrumentalisiert werden. Dafür ist die Bauakademie ein zu kleines Einzelbauwerk und ihr Standort in eine zu komplexe, historisch-städtebauliche Struktur eingebunden. Der hohe Anspruch, die fundamentalen Fragen des Bauens im 21. Jahrhundert exemplarisch an einem einzigen Bauwerk zu beantworten, kann angesichts der drohenden Überfrachtung an Erwartungen nur scheitern: Die Stellschrauben für ein zukunftsorientiertes Bauen liegen in internationalen Abkommen zu Umwelt- und Klimaschutz, ratifiziert in nationalen Baugesetzen und umgesetzt von einer dank günstiger Rahmenbedingungen leistungsstarken Bauindustrie, flankiert durch geeignete Finanzierungsinstrumente. Testbauten zur Erforschung von speziellen Fragen zukunftsgerechten Bauens gehören auf internationale Bauausstellungen und -messen, auf den Campus von Universitäten und in Forschungseinrichtungen, nicht aber in ein historisches Stadtzentrum mit seinen gesellschaftlich vielschichtigen Nutzungen.  

Die Zusammensetzung der Wettbewerbsjury für die Wiedererrichtung der Bauakademie wird zeigen, wieviel gedanklichen Raum Schinkels „Geist“ tatsächlich erhalten wird. In die Diskussionen einzubeziehen ist auch der Umgang mit baulichen Spolien (z. B. das original erhaltene Portal der Bauakademie), ferner die axiologisch schwierige Frage, bis zu welchem Grad und in welcher Fassung neben der Fassade das Innere der Bauakademie „rekonstruiert“ wird (das Treppenhaus z. B. erfuhr mehrere Umbauten). Eine „Teilrekonstruktion“ des Inneren könnte die Verbindung zum historischen Äußeren (Fassadenkopie) gewährleisten, würde heutigen Architekten aber auch den nötigen Gestaltungsfreiraum belassen, „mit“ und nicht „gegen“ den Geist Schinkels etwas „Neues“ zu entwerfen.   

Autor: Prof. Dr. Dr. Alexander Grychtolik, Weimar

Alexander Grychtolik studierte Architektur, Musik (Cembalo) und Musikwissenschaft in Weimar, Brüssel und Hamburg und lehrt an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar. Er ist Mitglied bei den Freunden der Schinkelschen Bauakademie.